Yume - Traum

Freitag, 11. Januar 2019 09:14

In meiner Zeit als Unsui (praktizierender Mönch) im Kloster Tenryu-ji, bin ich bei verschiedenen Totengedenkfeiern, die ich mit meinem Meister Hirata besucht habe, immer wieder dem Schriftzeichen „Yume“ begegnet. Als ich Hirata-Roshi darauf ansprach, erzählte er mir die Geschichte vom Schmetterlingstraum des Dschuang Dschou:

„Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“ (Übers. Richard Wilhelm).

„Das wäre ein gutes Koan für Dich“, meinte Hirata-Roshi. Und ich muss gestehen, dass ich damals nicht sehr weit damit kam; erst heute, ganz langsam, beginne ich ein neues Verständnis zu entwickeln. Die Grundlage für dieses Verständnis habe ich auch zwei Freunden zu verdanken, die mir die Grundlagen der modernen Quantenphysik und dem damit verbundenen „neuen Weltbild“ nahegebracht haben; soweit das bei mir als völligem Laien überhaupt möglich ist. Aber zusammengenommen mit 30 Jahren Meditationserfahrung in verschiedenen Traditionen und dem, was ich von meinen grossartigen Lehrern lernen durfte, ergibt sich doch so etwas wie ein Bild, über das ich heute schreiben möchte. 

In diesem Bild ist alles, was geboren wird, reines Bewusstsein. Und dieses Bewusstsein braucht eben auch einen Organismus, um sich selbst darin zu manifestieren, und dieser Organismus ist unser physische Körper.

Und was ist es aber dann, das uns fühlenden Wesen unsere Empfindungsfähigkeit verleiht, die Fähigkeit, wahrzunehmen und auf Reize zu reagieren? Was ist es denn, das einen lebenden Menschen von einem Toten unterscheidet? 

Es ist immer das Gefühl von Sein; das Wissen zu existieren; das Bewusstsein; unser Geist, der den physischen Körper mit Leben erfüllt.

In der Tat ist es Bewusstsein, das sich selbst in individuellen Formen manifestiert und uns allen eine scheinbare Existenz verleiht. In der Folge entsteht in uns selbst das Konzept eines getrennten „Ich“. In jedem Individuum wird also das Absolute als Gewahrsein reflektiert, und so wird Reines Gewahrsein zu Selbstgewahrsein oder zu Bewusstsein (Zen).

Unser Universum ist in stetigem Fluss, ständig unzählige Formen projizierend und wieder auflösend. Wann immer eine Form geschaffen und mit Leben erfüllt wird, erscheint durch die Spiegelung des Absoluten Gewahrseins in der Materie zugleich das Bewusstsein (Talbot). Das Bewusstsein ist also eine Reflexion des Absoluten Gewahrseins an der Oberfläche der Dinge und bringt das Gefühl von Dualität mit sich. 

Im Gegensatz dazu ist reines Gewahrsein, der Absolute Zustand, ohne Anfang und Ende; und es braucht keinerlei Unterstützung oder Bestätigung außer sich selbst. Gewahrsein wird nur dann zu Bewusstsein, wenn es ein Objekt gibt, in dem es gespiegelt wird.

All das wird getragen durch eine Energie, die aus dem sogenannten „Nullpunktfeld“ kommt. Oder, wie Einstein es einmal formuliert hat: „Das Feld ist unsere einzige Wirklichkeit“ (Capra). 

Nach aussen hin, hat es den Anschein, als wären wir als fühlende Wesen mit dem Bewusstsein als einzigem „Kapital“ (Maharaj) geboren. Das manifestierte Bewusstsein ist dabei immer zeitgebunden, da es ja verschwindet, sobald der physische Körper, in dem es wohnt, zu seinem Ende kommt. Nichtsdestoweniger ist es - wie Maharaj sagt - das einzige „Kapital“, mit dem ein fühlendes Wesen geboren wird. Gleichzeitig ist das manifestierte Bewusstsein seine einzige Verbindung mit dem Absoluten (der Energie im Nullpunktfeld); und es ist so auch das einzige Werkzeug, durch das wir fühlende Wesen hoffen können, eine illusorische Befreiung von dem „Individuum“, das es zu sein glaubt, zu erlangen. 

Was ist die eigentliche Substanz dieses lebensspendenden Bewusstseins? Offensichtlich muss es das physische Material sein, da es in Abwesenheit der physischen Form nicht überleben kann. Das manifestierte Bewusstsein kann nur so lange bestehen, wie seine Wohnung, unser Körper, sich in einem gesunden und bewohnbaren Zustand befindet. Obwohl das Bewusstsein eine Reflexion des Absoluten ist, ist es doch zeitgebunden und kann nur durch stoffliche Nahrung aufrechterhalten werden. 

Das Bewusstsein bewohnt also einen gesunden Körper und gibt ihn auf, wenn er alt wird und stirbt: „Die Reflexion der Sonne kann man nicht in einem trüben, sondern nur in einem klaren Tautropfen sehen“ (Maharaj).

Wir können die Natur und die Funktion des Bewusstseins in unserer täglichen Routine von Schlaf-, Traum-, und Wachzustand ganz gut beobachten. Im Tiefschlaf zieht sich das Bewusstsein in seinen ursprünglichen Zustand der Ruhe zurück. Wenn das Bewusstsein abwesend ist, gibt es kein Gefühl unserer eigenen Existenz oder Anwesenheit, geschweige denn der Existenz einer Welt und ihrer Bewohner oder irgendwelcher Vorstellungen von Bindung und Befreiung. Dies ist so, da ja das zentrale Konzept von „Ich“ abwesend ist. 

Im Traumzustand beginnt sich plötzlich ein Stückchen Bewusstsein zu regen, und im Bruchteil einer Sekunde wird in diesem Stückchen Bewusstsein die gesamte Welt von Bergen und Tälern, Flüssen und Seen, Städten und Dörfern mit Gebäuden und Menschen verschiedenen Alters einschließlich des Träumers selbst geschaffen. Und was noch wichtiger ist: Der Träumer hat keine Kontrolle über das, was die geträumten Gestalten tun! 

Mit anderen Worten: eine neue lebende Welt wird im Bruchteil einer Sekunde durch eine einzige Bewegung in diesem Stückchen Bewusstsein aus der Erinnerung und Vorstellungskraft geschaffen. „Stellen Sie sich da die außerordentliche Kraft dieses Bewusstseins vor, wenn ein bloßes Stückchen davon ein gesamtes Universum projizieren und beinhalten kann" (Maharaj). Sobald der Träumer erwacht, verschwindet die Traumwelt mit ihren Gestalten.

Was geschieht, wenn der Tiefschlaf und auch der Traumzustand vorüber sind und sich das Bewusstsein erneut erhebt? Das unmittelbareGefühl ist das von Existenz und Anwesenheit, nicht „meine“ Anwesenheit, sondern Anwesenheit als solche. Bald jedoch übernimmt der Verstand die Führung und erschafft das Konzept eines „Ich“ und das Körper-Bewusstsein (letzter Newsletter).

Wir sind so daran gewöhnt, von uns zu denken, wir seien Körper, die ein Bewusstsein haben, dass wir es sehr schwierig finden, die Wirklichkeit zu akzeptieren oder auch nur zu verstehen. Tatsächlich ist es Bewusstsein, das sich in unzähligen Körpern manifestiert. 

Deshalb ist es wichtig wahrzunehmen, dass Geburt und Tod nur Anfang und Ende eines Stromes von Bewegung im Bewusstsein sind und als Bewegung in Raum und Zeit interpretiert werden. Wenn wir das klar verstehen lernen, sollten wir auch verstehen, dass wir in unserem ursprünglichen, ungetrübten Zustand reines Sein-Gewahrsein-Glückseligkeit, und im Kontakt mit dem Bewusstsein lediglich das Bezeugen der verschiedenen Bewegungen im Bewusstsein sind. 

Wie aber gehen wir damit um, wenn wir plötzlich einen schmerzhaften Verlust erleiden oder ein von uns geliebter Mensch stirbt; gar nicht zu reden von unserem eigenen Tod? Warum? Warum? Wir fragen uns immer wieder warum, und es gelingt uns nicht unseren Kummer zu überwinden.

Aus der eben geschilderten Sichtweise ist es also völlig sinnlos, zu sagen „ich bin traurig“, da in der Abwesenheit eines individuellen „Ich“ auch keine „Anderen“ existieren und ich mich selbst in jedem von „ihnen“ widergespiegelt sehe. 

Jahr für Jahr gehen wir durch das Leben, geniessen die üblichen Freuden und erleiden die üblichen Schmerzen, ohne jemals das Leben aus einer anderen Perspektive betrachtet zu haben. Und was ist diese andere Perspektive? Es gibt weder ein „Ich“ noch ein „Du“, denn nachdem, was wir jetzt wissen, kann es solche getrennten Wesenheiten einfach gar nicht geben. Vielleicht sollten wir dies verstehen und den Mut haben, diesem Verstehen entsprechend unser Leben zu leben. Oder wollen uns weiterhin in unserem Kummer vergraben?

Und es ist wie in der Meditation: eigentlich brauchen wir dazu gar nichts zu tun, absolut nichts. Sehen wir lediglich das Vergängliche als vergänglich, das Unwirkliche als unwirklich, und - Schritt für Schritt - werden wir schliesslich unsere wahre Natur erkennen und zum dem werden, der wir wirklich sind. 

Haben wir jemals dem „Kummer“ ins Gesicht geschaut und versucht zu verstehen, was er wirklich ist? Jemanden oder etwas zu verlieren, den oder das wir innig geliebt haben, ruft natürlicherweise Trauer hervor. Und da der Tod mit absoluter Endgültigkeit die völlige Auslöschung bedeutet, ist die damit verbundene Trauer nicht zu mildern. Aber selbst diese überwältigende Trauer kann nicht von Dauer sein, wenn man alles etwas anders betrachtet. 

Gehen wir einfach einmal zu unserem Anfang zurück. Haben meine Eltern mit irgendjemandem eine Vereinbarung getroffen, einen Sohn zu haben - einen ganz bestimmten Körper mit einem ganz bestimmten Schicksal? Konnten sie irgendeinen Einfluss auf die Empfängnis nehmen oder auf das schwierige Überleben des Fötus im Mutterleib? Oder gar darauf, dass das Baby ein Sohn wurde. Mit anderen Worten: Was meine Eltern „Sohn“ nennen, war lediglich ein ein Geschehen, über das sie zu keiner Zeit auch nur die geringste Kontrolle hatten, und dieses Ereignis ist irgendwann beendet.

Es ist wichtig, dass wir uns der Wirklichkeit stellen; und unter Wirklichkeit sollten wir verstehen kein Individuum, keine „Person“ zu sein. Die Person, die wir zu sein glauben, ist lediglich ein Produkt der Vorstellung, und das Selbst ist das Opfer dieser Illusion. Eine „Person“ kann nicht aus sich selbst heraus existieren. Es ist das Selbst, das Bewusstsein, das fälschlicherweise glaubt, es gäbe eine Person, die sich ihrer Existenz bewusst ist. 

Ändern wir unsere Sichtweise! Betrachten wir die Welt nicht als etwas ausserhalb von uns selbst. Sehen wir die Person, die wir zu sein glauben, als Teil der Welt - tatsächlich einer Traumwelt -, welche wir als Erscheinung in unserem Bewusstsein wahrnehmen und betrachten wir das ganze Drama von aussen. Erinnern wir uns! Wir sind nicht der Verstand, der nur der Inhalt des Bewusstseins ist. Solange wir uns selbst mit dem Körper-Verstand identifizieren, sind wir anfällig für Kummer und Leid. Ausserhalb des Verstandes ist wir reines Sein. Wir sind nicht Vater, nicht Sohn, nicht dies und nicht das. Wir sind jenseits von Raum und Zeit und nur an dem Punkt von hier und jetzt damit in Berührung, im Übrigen jedoch zeitlos, raumlos und von keiner Erfahrung beeinflussbar. 

Wenn wir das langsam verstehen lernen, hören wir auch auf, uns zu grämen. Wenn wir dann einmal verstanden haben, dass es auf dieser Welt nichts gibt, was wir unser Eigen nennen könnten oder müssten, werden wir in der Lage sein es von außen betrachten, so wie wir uns ein Schauspiel oder einen Spielfilm anschauen - bewundernd und genießend, vielleicht leidend, aber tief innen völlig unbewegt. Daraus erwächst auch eine tiefe Dankbarkeit allen Seins gegenüber, die sich in „Kei“, dem schwierigsten unter den vier Prinzipien des Teewegs, manifestiert.

Jeden Morgen erschaffen wir uns unsere Welt neu; eine ungeheure und fantastische Leistung unseres Bewusstseins, die uns eigentlich nur dankbar machen kann. Genau deshalb ist im Zen „jeder Tag ein guter Tag“. Und was wäre schöner, als diesen neuen Tag mit einer Schale Tee zu beginnen; mit einem Gastgeber, den es eigentlich gar nicht gibt, mit einem Gast, der nur in unserem Bewusstsein kreiert worden ist; mit einem Teebesen, einer Schale mit Teepulver, die es gar nicht gibt? Ist das eine beängstigende Vorstellung für Sie? Da alle und alles verbunden sind, gibt es kein Getrenntsein - wir SIND reines Bewusstsein!

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Falls Sie sich vielleicht näher mit den oben geschilderten Dingen beschäftigen möchten, gebe ich Ihnen - neben der Meditation - ein paar Hinweise, denn auch ich taste mich langsam an eine neue Sichtweise heran, die auch etwas Mut zum „Querdenken“ erfordert:

Lynne McTaggart: "Das Nullpunkt-Feld"
Michael Talbot: "Das holographische Universum"
Gregg Braden: "Im Einklang mit der göttlichen Matrix"
Sri Nisargadatta Maharaj: "I Am That" (Englisch)
Fritjof Capra: "Das Tao der Physik"
Film-DVD: "What The Bleep Do We Know?"
Spektrum der Wissenschaft:
http://www.spektrum.de/artikel/830304

Informationsdienst Wissenschaft:
http://idw-online.de/pages/de/news299791